Was ist echt

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Was ist echt?


von Dr. Reinhard Grafe, Halberstadt


Nach Fertigstellung des Artikels „Züchtet rein und züchtet echt“ für unser letztjähriges Rundschreiben hat mich die scheinbar gleichsinnige Nutzung der Worte „echt“ und „rein“ in Oettels Leitspruch nicht ruhen und folglich weiter suchen lassen. Fündig wurde ich bei Bechstein, einem Thüringer Ornithologen, der- wie andere Ornithologen seiner Zeit auch – ein großer Taubenfreund war. Rassetauben waren schließlich leicht zu züchtende und erschwingliche exotische Vögel. Sein Vogelbuch beinhaltet eine Darstellung des seinerzeit (um 1800) in Deutschland und Europa bekannten Wissens um die Taubenliebhaberei. Da einige Textstellen ein bemerkenswertes Dokument für die Ästhetik als Grundlage der Taubenliebhaberei darstellen, will ich diese hier ungekürzt zitieren.


In einem Absatz behandelt Bechstein jene Taubenrassen, die wir heute den Farbentauben zuordnen. Darin stellt er fest, dass dazu (Zitat) „ diejenigen Haustauben gehören, die sich der Liebhaber nach der einmal angenommenen Mode oder denjenigen ästhetischen Regeln (denn in der Taubenliebhaberei gibt es auch eine Ästhetik), die als wahre und richtige Schönheitsregeln angenommen sind, zu seinem Vergnügen kauft und erzieht…“

Die Schönheit einer Taube beruht nach den allgemein angenommenen Regeln der Liebhaber auf folgenden Eigenschaften

1) Sie muß nach Verhältnis der Varietät oder Rasse, zu welcher sie gehört, von einer ansehnlichen Größe, besonders hoch und langgestreckt sein

2) keine Spitz-, sondern wo möglich eine Hohlhaube haben,

3) eine stark und gleichmäßig aufgetragene Farbe, die überall gleich ist, und besonders an den Spitzen der Flügel und an der Wurzel des Schwanzes nichts Helles oder weißes durchschimmern läßt, haben und endlich

4) mit einer schönen reinen und gleichmäßigen Zeichnung versehene sein.


Die ist aber dem wahren Taubenfreund noch nicht genug, besonders wenn er rein gezeichnete Jungtiere erzielen will. Er muß daher auch noch die Kennzeichen der Echtheit einer Rasse beachten, welche sich vorzüglich an Schnabel und Auge bemerklich machen…“ (Auf das Zitieren der angeführten vier diesbezüglichen Regeln will ich verzichten. Sie beziehen sich auf die Färbung von Augen und Schnabel und sind teils nur für die Farbentauben jener Zeit zutreffend) Offensichtlich betreffen diese ästhetischen Regeln alles Rassegeflügel. Und Echtheit meint die Abstimmung aller im Standard festgehaltenen Merkmale unter ästhetischer Sicht. Die verbindliche Festlegung schriftlicher Standards bedeutete also die Verabschiedung einer Jahrtausenden alten Gepflogenheit der mündlichen Verabredung. Der fortlaufende Prozeß der Standardisierung war nunmehr einem formalen Reglement unterworfen, das innerhalb der organisierten Rassegeflügelzucht bis heute weiterentwickelt worden ist.

Die Kehrseite dieser vor mehr als hundert Jahren eingeleiteten Entwicklung gemäß Oettels Leitspruch unter primärer Orientierung am schriftlichen festgelegten Standard ist offenbar eine Vernachlässigung der Kultur des Nachdenkens und Diskutierens über ästhetische Aspekte der Schönheit unserer Tiere. Das Ergebnis letztendlich der Verlust einer bewusst ästhetischen Betrachtung. So deute ich meine Erfahrung aus vielen Züchtergesprächen, in denen es um- zu oft noch als Übertypisierung verharmloste - Übertreibung von im Standard nicht genau fixierten Merkmalen ging.

Erfreulicherweise sind erste Korrekturbemühungen bereits festzustellen. Es würde jedoch unserem Anliegen nur dienlich sein, wenn dies öffentlich stärker wahrnehmbar würde. Dabei ist zuerst die Öffentlichkeit der Züchter gemeint. Dass Nachdenken sollte nicht nur in den Spezialistengruppen der Sondervereine stattfinden, sondern in den Fachzeitschriften und somit für die Züchterallgemeinheit wieder wahrnehmbar. Es geht um nicht weniger als um die Zukunft unserer schönen und nützlichen Freizeitbeschäftigung.

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