Züchten wie schon in alten Zeiten

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Züchten wie schon in alten Zeiten,

so wie es schon Darwin beschrieben hat, der die Tauben als Beispiel für die Veränderung von Tieren im Haustierstand betrachtet hat. Und gefunden hat, dass sich einzelne Rassen im Verlaufe eines Züchterlebens nur geringfügig verändern, was von Außenstehenden kaum wahrgenommen wird. “Die waren doch schon immer so”, heißt es auch heute noch oft. Wenn es auch für unsere gerade ‘mal hundert Jahre alte Rasse der Deutschen Langschnäbligen Tümmler nicht zutrifft und wir stattdessen die Zeit des züchterischen Umbruchs weg von den über Jahrhunderte gezüchteten mittelschnäbligen und hin zu den modernen langschnäbligen Tümmlern hinreichend genau festgehalten wissen, so gilt dies doch nicht generell. Wenigstens einige der heute so vielen deutschen Farbentaubenvarianten scheinen schon jahrhundertelang mehr oder weniger unverändert in Deutschland gezüchtet zu werden.

Die Zucht von solchen, gewissermaßen über die Zeit konstanten Rassen wurde bereits im ersten deutschen Tierzuchtlehrbuch etwa um 1600 als Konstanzlehre bzw. Konstanztheorie für das über Jahrhunderte wichtigste deutsche Nutztier, das Pferd, formuliert. So galt also in der deutschen Tierzucht bereits seit drei Jahrhunderten das, was Robert Oettel um 1900 erst für die bis dahin relativ unbedeutende deutsche Geflügelzucht als Reinzuchtgebot formulierte.

Doch Reinzucht ist nicht gleich Reinzucht. Mit ihren über die Jahrhunderte entwickelten, aber auch heute noch praktizierten Varianten wollen wir uns hier befassen.

Reinzucht allein heißt lediglich das “Eindringen” fremden Erbgutes etwa durch nicht beabsichtigte Kreuzungen zu verhindern. Das hat man lange Zeit durch getrennte Taubenschläge erreicht. Eine solche Reinzucht würde nicht genügen, unsere durch die Züchtungskunst vieler Generationen von Züchtern geschaffenen “Kunstrassen” auf ihrem derzeitigen Niveau zu erhalten. Wie es wohl schon mancher Züchter beobachtet haben dürfte, der rassetypische Tiere in den Händen einfacher Halter schon bald degenerieren sehen hat, indem sehr schnell die “üblichen” Fehler der in Frage stehenden Rasse bzw. des Farbenschlages auftraten. Reinzucht muss folglich unbedingt mit einer standardbezogenen Auslese verknüpft werden. Bei konsequentem Ausschluss fehlerhafter Tiere von der Zucht kann Reinzucht allerdings selbst bei freier Partnerwahl erfolgreich sein. Lange Zeit scheint das sogar das wohl ausschließlich praktizierte Zuchtverfahren gewesen zu sein. Der früheste Hinweis, den ich bisher für eine in der Taubenzucht gehandhabte Zwangsverpaarung gezielt füreinander ausgesuchter Tiere gefunden habe, stammt aus dem Bericht über die Taubenzucht Akbars des Großen aus dem Jahre 1590. In den meisten Fällen dürfte heute die Reinzucht wohl mit dem Prinzip der Ausgleichspaarung kombiniert werden. Das erlaubt selbst die Zuchtverwendung von gering fehlerhaften Tieren, wenn man Ausgleich derart versteht, dass dem Mangel des einen Partners die korrekte Merkmalsausprägung des anderen entgegensteht. Das jedenfalls ist die Praxis in der Zucht der großen Nutztiere. Eine vergleichsweise sorglosere Handhabung der Ausgleichspaarung, von der man in der Rassegeflügelzucht gelegentlich hört, basiert auf der Annahme, dass dem Mangel des einen Partners mit dem vermeintlich entgegenstehenden Mangel des anderen Partners zu begegnen sei. Das muss im Falle des Nichtzutreffens dieser keinesfalls zwingenden, sondern eher spekulativen Annahme notwendigerweise zum Scheitern führen.

Qualitativ herausragende Tiere spielen in allen diesen Reinzuchtvarianten eine überragende Rolle. Sie setzen sich durch überdurchschnittliche Nachkommenqualität und längere Zuchtnutzung durch. So können sie selbst in Reinzuchten mit freier Partnerwahl gewissermaßen unbeabsichtigt zu Begründern von Linien werden, die in starkem Maße die positiven Merkmale ihrer Liniengründer aufweisen. Den Effekt, derartige Linien zu begründen, kann man durch bewusst vorgenommene Inzucht herbeiführen. Wir sprechen dann von Linienzucht. Am Anfang einer Linienzucht, steht immer ein überragendes Einzeltier. Doch nicht jedes überdurchschnittliche Tier ist geeignet. Ungeeignet sind Tiere, die man vielleicht als “Zufallstreffer” oder “Blender” bezeichnen könnte. Wenngleich sie eingeschränkt züchterisch genutzt werden können, als Linienbegründer eignen sie sich nicht. Dafür brauchen wir Tiere aus über die Zeit konstant herausragenden Linien. Nur diese bieten die Gewähr für eine sichere Vererbung gefestigter Anlagen.

Das entscheidende Ereignis bei der Begründung einer Linie besteht darin, dass die in getrennten Nachkommenlinien des Linienbegründers weitergegebenen Erbanlagen durch bewusst vorgenommene Inzuchtpaarungen in einem zufälligen Umfang wieder zusammengeführt werden, gewissermaßen zufällige Teilkopien des Gründertieres erzeugt werden. Zufällig bedeutet, dass weder der Umfang noch das oder die tatsächlich betroffenen Merkmale planbar sind. Derartige Paarungen können als Inzucht im weiteren Sinn zwischen entfernten Verwandten einer oder auch verschiedener Linien eines Linienbegründers, oder auch als Inzestzucht vorgenommen werden, indem man Nachfahren an den Linienbegründer selbst zurückpaart. Die Wiederholung solcher Inzuchtpaarungen innerhalb einer Linie führt zur Summierung der Effekte und so zur Verstärkung der Erbsicherheit der gewünschten Merkmale, die die Linie letztlich kennzeichnen. Unglücklicherweise werden das in manchen Fällen auch beim Gründertier verdeckt vorhandene negative Anlagen sein, wodurch ein solcher Versuch im konkreten Fall scheitern würde. Dem kann man am sichersten begegnen, indem man nicht alles auf eine solche Inzuchtlinie setzt, sondern mehrere Nachzuchtlinien jedes Linienbegründers als Grundlage erneuter Liniengründungen führt.

Dieses Linienzuchtverfahren hat sich in der Zucht der großen Nutztiere wie Pferd und Rind seit langer Zeit als außerordentlich erfolgreich erwiesen. Und obwohl in der Rassegeflügelzucht keine der Nutztierzucht vergleichbare Offenlegung der tatsächlich praktizierten Zuchtmethoden erfolgt, ist davon auszugehen, dass auch hier die Linienzucht erfolgreich betrieben wird.

Um mit verschiedenen Inzuchtmethoden erzielbare Effekte vergleichen zu können, wurde bereits in der Anfangszeit der genetischen Forschung von einem ihrer führenden Vertreter, dem Engländer Wright, eine Formel zur Berechnung des sogenannten Inzuchtkoeffizienten entwickelt. Auf ihn wird auch heute noch, z.B. in der Internet-Enzyklopädie WIKIPEDIA hingewiesen. Er ist mit einigem Aufwand zu errechnen und sagt letztendlich als abstrakter statistischer Erwartungswert wenig aus. Entscheidend aber dürfte sein, dass aus der Sicht der heutigen genetischen Kenntnis die seinerzeitigen Ausgangsannahmen nicht plausibel sind und die Formel so nicht richtig ist. Es gibt allerdings ein einfaches Verfahren, das eine vergleichende Abschätzung von Inzuchteffekten erlaubt. Man zählt die Anzahl der Generationen zwischen dem in Frage stehenden Inzuchtprodukt und dem Tier, auf das ingezüchtet wurde. Und zwar sowohl auf der väterlichen wie auch der mütterlichen Seite des Stammbaumes. Und addiert schließlich die beiden Zahlen. Je größer die Summe desto geringer der zu erwartende Effekt. Und umgekehrt: Die kleinere Zahl lässt den größeren Effekt erwarten.


  DR. REINHARD GRAFE
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